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Klettersteigbremse

Dadurch, dass der Klettersteigbremse eine lebenswichtige Funktion zukommt, habe ich ihr einen eigenen Beitrag gewidmet.

Klettersteigbremse – Lebensretter am Klettersteig

Insgesamt gesehen, kann das Risiko auf Klettersteigen als gering angesehen werden. Der sogenannten Klettersteigbremse kommt dabei eine besondere Beachtung und Bedeutung zu. Im Folgenden möchte ich erklären was das überhaupt ist und wie diese funktioniert.

KlettersteigbremseStürze am Klettersteig sind besonders kritisch und müssen unbedingt vermieden werden. Beispielsweise ist ein 5-Meter Sturz auf einem Klettersteig 20 Mal „härter“ als ein 5-Meter-Sturz eines Kletterers, der mit Seil bereits 20 m geklettert ist. Man kann auch sagen, dass speziell Stürze am Klettersteig einen besonders hohen Sturzfaktor aufweisen.

Was ist der Sturzfaktor?

Der Sturzfaktor ist ein Maß für die „Härte“ eines Sturzes. Er definiert die Belastung auf Kletterer und Material und errechnet sich aus der Sturzhöhe geteilt durch die Länge des Seils, das dem Abfangen des Sturzes dient. Wenn beispielsweise ein Kletterer beim Sportklettern nach 20 m Kletterstrecke 5 m abstürzt und damit ins Seil fällt, beträgt der Sturzfaktor 5 / 20 = 0,25.

Am Klettersteig dagegen bedeutet ein 5 m Sturz einen Sturzfaktor von 5 / 1 = 5,  da die Länge des dehnbaren Bremsseils nur ca. 1 m beträgt. Von einem weichen Sturz ist daher auf keinen Fall auszugehen.

Die Belastung auf Mensch und Material ist daher beim Sturz auf einem Klettersteig 20 Mal größer als beim normalen Sportklettersturz.

Fangstoßkraft

Die Kraft, die beim Sturz auf den menschlichen Körper und das Material wirkt, wird als Fangstoßkraft bezeichnet. Diese wird aus der Sturzenergie geteilt durch den Bremsweg errechnet. Wird überhaupt kein Fangstoßdämpfer verwendet (wie bei einer Reepschnur oder Bandschlinge), reduziert sich der Bremsweg auf die Dehnung des Materials, die bei einer Reepschnur oder Bandschlinge von einem Meter Länge maximal 10 cm beträgt! Die auftretende Fangstoßkraft bei einem 5-Meter-Sturz beträgt demnach ohne Fangstoßdämpfer 40 kN (ca. 4.000 kg oder 4 Tonnen)!

Berechnen wir einmal kurz die Sturzenergie E, die auf eine durchschnittlich gebaute Person mit 80 kg Körpergewicht eim Falle eines Sturzes einwirkt. Die Sturzhöhe sei mit 5 m angenommen. Diese Vorgaben entsprechen der Normprüfung von Klettersteigbremsen nach EN 958 und UIAA 128.

E = m *g * h (Potenzielle Energie vor dem Sturz)

m = 80 kg, g = 10 m/s² (Erdbeschleunigung gerundet), h = 5 m

eingesetzt ergibt sich: 80 kg * 10 m/s² * 5 m = 4000 J (Joule)

Berechnen der Fangstoßkraft (ohne Bremse): E= m * g * h mit m * g  = F -> F = E / h

eingesetzt mit h = 0,1 m (Annahme Bremsweg beträgt 10 cm durch Seildehnung) ergibt sich F = 4000 J / 0,1 m = 40000 N = 40 kN (ca. 4000 kg oder 4 Tonnen!)

Obwohl die Einheit kg bzw Tonnen bei einer Kraft wissenschaftlich nicht korrekt ist, können einige Leser sich hierunter vielleicht besser was vorstellen als unter Kilonewton.

Hier handelt es sich um einen errechneten Wert. Die tatsächlichen Belastungen mögen darunter liegen. Kein Karabiner, keine Bandschlinge und schon gar nicht unser Körper kann eine Fangstoßkraft von bis zu 40 kN (ca. 4 Tonnen) verkraften! Diese hohen Werte bedeuten Lebensgefahr! Deshalb müssen Klettersteigsets mit einer sogenannten Klettersteigbremse, auch Fangstoßdämpfer genannt, ausgestattet sein.

Die Idee, die hinter den Klettersteigbremsen steht, ist den Bremsweg zu erhöhen und so die Belastung auf Mensch und Material auf ein erträgliches Maß zu verringern. Klettersteigbremsen sind nach EN 958 und UIAA 128 genormt. Um diese Norm zu erfüllen, bzw. um die Belastung auf Mensch und Material erträglich zu halten, darf die Fangstoßkraft einen Wert von 6 kN (ca. 600 kg) nicht überschreiten.

Was entspräche dies an Bremsseillänge?

Hierzu eine kleine Berechnung:

h= E / F mit Sturzenergie E = 4000 J und F = max. 6 kN = 6000 N

eingesetzt ergibt sich:

h = 4000 J / 6000 N = 0,67 m d.h. es ist mindestens 67 cm Bremsseil notwendig, das ungehindert durchlaufen muss, um die aufgebaute potenzielle Sturzenergie „körper- und materialverträglich“ abbauen zu können.

Die Klettersteigbremse als zentraler Bestandteil des Klettersteigsets

Das Herzstück eines Klettersteigsets bildet somit also die Klettersteigbremse oder Fangstoßdämpfer, der je nach Hersteller unterschiedlich ausgeführt sein kann. Alle Systeme haben jedoch eines gemeinsam. Die Klettersteigbremse soll erst ab einer bestimmten Belastung wirken bzw. die Naht zum Aufreißen beginnen, damit man sich – z. B. zum Ausruhen – in die Klettersteigbremse hängen kann ohne dass sie auslöst und damit das Klettersteigset unbrauchbar macht. Die Grenzzuglast wird mit 1,2 kN festgelegt, bei der noch kein Aufreißen der Reißnaht erfolgen darf.

Auftretende Kräfte (über 1,2 kN – ca. 120 kg) werden über ein zunächst vernähtes Bandmaterial absorbiert (abgeschwächt), indem eine Reißnaht an Sollbruchstellen kontinuierlich aufreißt und dadurch Bremsweg freigibt. In der Praxis sind das aus Sicherheitsgründen stets mehr als die geforderte Mindestlänge von 67 cm. Früher gab es Bremsseile die durch eine Bremsplatte gelaufen sind, solche Systeme sind aber nicht mehr aktuell und sollten nicht mehr verwendet werden.

Eine recht eindrucksvolle Dokumentation und Tests von alten Klettersteigsets mit Seilbremse verglichen mit aktuellen Bandfalldämpfersystemen mit Reißnnaht liefert das folgende Video von Günther Karnutsch.

Fazit des Videos: Klettersteigsets mit Seilbremse sind unsicher und sollten nicht mehr verwendet werden. Selbstgebastelte „Klettersteigsets“ mit Karabiner und Reepschnur sind keinesfalls zu verwenden und bedeuten Lebensgefahr! Daher zur eigenen Sicherheit nur aktuelle Klettersteigsets mit Bandfalldämpfer als Klettersteigbremse verwenden.

Was tun wenn die Klettersteigbremse ausgelöst hat und „angerissen“ ist?

Es taucht unweigerlich die Frage auf: Weiter verwenden oder nicht? Sollte man wirklich mitten in der Wand hängen, lässt sich der Klettersteig auch mit einem bereits aufgerissenen und damit unbrauchbar gewordenen System noch beenden, da wahrscheinlich nicht die gesamte Reißnahtreserve verbraucht wurde. Besitzt der Klettersteig einen Notausstieg und kann man diesen aufwärts noch erreichen so ist der Klettersteig über diesen zu verlassen, da das Weiterklettern mit aufgerissenen Bandfalldämpfer in jedem Fall ein erhöhtes Sicherheitsrisiko darstellt.

In allen Fällen ist aber mit erhöhter Vorsicht weiterzuklettern um eine erneute, möglicherweise extreme Sturzbelastung und damit Überschreiten der maximal zulässigen Bremskraft von 6 kN zu vermeiden.

Klettersteigbremse – Zusammenfassung

Was haben wir also aus diesem wichtigen Beitrag über die Klettersteigbremse gelernt?

Fangstoßkraft von 4 Tonnen bedeutet Lebensgefahr! Ohne Klettersteigbremse würden wir einen Sturz aus großer Höhe in einen Ankerpunkt des Seils wegen des hohen Fangstoßes mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben.
Aus diesem Grund gibt es Fangstoßdämpfer bei Klettersteigsets, die diesen Fangstoß auf ein erträgliches Maß  für den Körper reduzieren.
Die max. Fangstoßkraft, die dem Körper zugemutet werden kann, ist bei normgeprüften Klettersteigsets auf 6 kN begrenzt.

und

Nach Auslösen der Klettersteigbremse ist das Klettersteigset zu entsorgen.

Aber keine Sorge. Die Klettersteigbremse meines Black Diamond Easy Rider Klettersteigsets hat in vielen Jahren Praxiseinsatz noch nie auslösen müssen. Wenn man entsprechend vorsichtig klettert, die Klettersteigbegehung ordentlich plant und sich auch nicht in seinen Fähigkeiten überschätzt wird man ein Auslösen der Klettersteigbremse hoffentlich nie am eigenen Leib erfahren müssen.

Abschließender Hinweis zur Klettersteigbremse

Wenn man im Internet nach „Klettersteigbremse“ sucht, findet man unter anderem folgendes PDF

http://www.bergundsteigen.at/file.php/archiv/2004/2/print/70-75%20%28gut%20gebremst%20auf%20eisenwegen%29.pdf

Hierzu ist zu sagen, dass der Inhalt von 2004 stammt und daher nicht mehr aktuell ist. Es werden hier hauptsächlich Seilbremsen besprochen, die nicht mehr verwendet werden sollen.


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